Herausgegeben von Alexander Nitzberg

Ausgehend von Hörbüchern des onomato Verlages, wurde für die Edition ebenfalls eine eigene bibliophile Form entworfen. Die Bücher werden, wie auch die “Schmuckboxen” der Hörbucheditionen, in der kleinen Buchbinderwerkstatt des Verlages in Handarbeit gefertigt.

Jedem Lyrik Band liegt eine Audio CD mit Lesungen der Autorinnen und Autoren bei. Klangkünstlerische Elemente – von den Autoren selbst erstellt oder aus dem Umfeld der “Klangkunstklasse” des onomato Künstlerkreises bezogen, ergänzen die Lesungen.

Der Herausgeber Alexander Nitzberg wurde 1969 in Moskau geboren. Lebt seit 1980 in Düsseldorf. Veröffentlichte zahlreiche Gedichtbände, Übersetzungen, Dramen und Essays. Poetikdozentur am Literaturinstitut Hildesheim und an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf. Im Herbst 2006 erscheint seine Poetik »Lyrik-Baukasten« beim Dumont Verlag.

weitere Informationen zu Alexander Nitzberg: www.nitzberg.de

 

 

werfen

WERFEN in die wiese sich kopf über, und
beine stengeln, die stengel stutzen, blätter und blumen
bauschiges niedermähen, geiles gras grapschen, gras, und  
ganz und gar rollig sein, blütenbauch und busengekitzel  
käfern sich rückenwärts, erdig, erde, in erde, und 
kleesüße, vogeldreck, sonnengeflecktes, schmetterlingsschlag 
wimpern, schlieren, schnecken, kot, und  
ameisen, alles, alles befühlern, betasten, krabbelnd bepicken
beschnuppern, bespuren, blumen, und 
wind werden, sporen, motten, hummeln, flügel, vögel, alles 
alles sei halswärts, sei himmel-, WERFEN, sich werfen, und

 

 

aurora

AURORA, nur einmal ist das
ganz und gar sommersein
als bienengesumse um tische mit 
kuchen, limo und beine mit anlauf 
und platsch in den see
vom grund her die süße ziehen 
aus jedem nutellaglasmorgen  
der tag ein großer, grüner dino 
kickt all die kleinen steine, die büchsen 
auch schrammen weg und bauchweh   
wissen wo die zahnfee schläft 
beim teller milch dicht unterm bett 
bis auch dort licht hinfällt 
auf einmal ist sie fort

 

 

 

Andrea Heuser,

geboren 1972 in Köln, lebt heute als Autorin
und Literaturwissenschaftlerin in München. Literarische Arbeiten
im Bereich Lyrik, Prosa, Libretto und Musiktheater. Promotion
über deutsch-jüdische Literatur vor und nach 1989. Für ihre Arbeit 
erhielt Andrea Heuser zudem einige Preise und Stipendien, u.a.
den Förderpreis der Internationalen Bodenseekonferenz für
Lyrik (2006) und den Wolfgang-Weyrauch-Förderpreis (2007).
»vor dem verschwinden« ist ihr erster eigenständiger Lyrikband.

 

 

 

 

 

Vorwort von Alexander Nitzberg

Barockdichter hätten pure Freude an diesen Versen und würden allesamt Sonette verfassen »auff die Heuserin«. Denn heute ‒ zwischen Scylla und Charybdis ‒ ist sie eindeutig ihre Hoffnungsträgerin. Die Zeit des Stummfilms ist vorbei, die Zeit des Tonfilms noch nicht angebrochen. Und nur Wenige wissen um den Stoff, aus dem Gedichte sind: den rhythmisch pulsierenden Klang, der sich innerhalb eines streng eingegrenzten Zeitraums zum Bild hin ballt. 
Andrea Heuser schafft Poesie im wahrsten Sinne des Wortes, denn ihre Gedichte sind mehr gemacht als geschrieben. Durch wiederholtes Anschlagen einzelner Silben erzeugt sie jene vibrierenden Teilchen, die, sinnvoll zusammengefügt, ein mit den Sinnen wahrnehmbares Artefakt ergeben. (Denn es wird die Poëterey, so Philipp Harsdörffer, ein redendes Gemähl / das Gemähl aber eine stumme Poëterey genennet.) Auf diese Weise wird die Spanne, die dem tönenden Wort vor dem Verschwinden noch bleibt, bis zum Äußersten ausgereizt und meisterlich gestaltet. (Düsseldorf, Januar 2008)

 

 

 

 

Franz Josef Czernin

 

 

 

 

Über das unaussprechliche Heiligen-Geistes-Eingeben

Du ungesehner Blitz, du dunkel-helles Licht,
Du herzerfüllte Kraft, doch unbegreiflichs Wesen!
Es ist was Göttliches in meinem Geist gewesen,
Das mich bewegt und regt: Ich spür ein seltnes Licht.

Die Seel ist von sich selbst nicht also löblich licht.
Es ist ein Wunder-Wind, ein Geist, ein webend Wesen,
Die ewig Atem-Kraft, das Erz-Sein selbst gewesen,
Das ihm in mir entzündt dies himmel-flammend Licht.

Du Farben-Spiegel-Blick, du wunderbuntes Glänzen!
Du schimmerst hin und her, bist unbegreiflich klar;
Die Geistes-Taubenflüg? in Wahrheits-Sonne glänzen.

Der gott-bewegte Teich ist auch getrübet klar!
Es will erst gegen ihr die Geistes-Sonn beglänzen
Den Mond, dann dreht er sich, wird erden-ab auch klar.

Catharina Regina von Greiffenberg

 

 

 

über das unaussprechliche (übertragung)

blindlings blitzst auf, mich damit schlägst, dies so umnachtend
stürmisch beherzst, dass all die flamme in dem spalten
zeigt meine zungen; wie es zündet, mich entmachtend
brennt wild, zur rede, feurig, stellt mich, ungehalten

so grell wie dunkel; selbst bin nur, doch aus mich schlachtend,
mein fleisch, das schwarze, in das, glühend am gelallten,
getroffen wird; durchsaust bin, -braust, nach leben trachtend
es macht begeistert sprühn mich, heiss am ungestalten:

ach, wohl mir, übel von dem licht wird mitgespielt
in all den farben, auch zu bunt, mich so verblendend
mit jedem schimmer davon, zielend doch darauf so klar,

gebracht auf flächen: was, entsprechend, aufgewühlt
sich im erblicken bildet, bricht, entzweit, ganz wahr,
aufgeht uns in dem strahl, doch stets mir rede wendend.

 

 

 

Sonett an Orpheus

O Brunnen-Mund, du gebender, du Mund, 
der unerschöpflich Eines, Reines spricht, –
Du, vor des Wassers fliessendem Gesicht
marmorne Maske. Und im Hintergrund

der Aquädukte Herkunft. Weither an
Gräbern vorbei, vom Hang des Apennins
tragen sie dir das Sagen zu, das dann
am schwarzen Altern deines Kinns

vorüberfällt in das Gefäß davor.
Dies ist das schlafend hingelegte Ohr,
das Marmorohr, in das du immer sprichst.

Ein Ohr der Erde. Nur mit sich allein
redet sie also. Schiebt ein Krug sich ein,
so scheint es ihr, daß du sie unterbrichst.

Rainer Maria Rilke

 

 

 

sonett an orpheus. übertragung

der mund, der sich so rein nur ein hier schenkt,
die quelle wörtlich angibt in dem schwall,
ist, stets sich höhlend, stein, der jeden schall
ausschöpft, den fernsten rausch; darauf gelenkt,

dass, was hier sprudelt, fliesst, am meer, den wogen hängt,
an lippen, das heisst: klippen, die sich dort von fall
zu fall gewässer öffnen, um jetzt überall
anklingend, hier zu fassen: wie es sich versenkt

in dies gefäss, die muschel, da es wird ganz ohr,
ganz auge, dass sich unterströmend dies einflösst,
zu wort da kommend, das sich über laufend löst

von all den zungen, das heisst: ländern; stets ein chor
von gründen spricht da zu sich, sank und steigt empor:
da unterbricht, was wir so lesen, ach, ihr lest?

 

 

 

 

Franz Josef Czernin

Geboren am 7. Jänner 1952 in Wien.
1971-73 Studium in den USA.1972 Beginn der literarischen Tätigkeit,
seit 1978 literarische Publikationen in Zeitschriften und in Heimrad Bäckers
Linzer «edition neue texte».
1988 Lektor an der Indiana University, USA.
Seit 1989 Entwicklung des Computerprogramms POE, einer Software zur Analyse
und Generierung von poetischen Texten. 1993/94 Grazer Stadtschreiber.
Lebt in Rettenegg in der Steiermark.

 

Ralf Thenior

 

 

 

Seins Ficktschn

Das Alienei in der Brust birst, 
Blut schießt in die Netzhaut, zu viel
Bilder gekennt, Krr alle im Hirn, 
Haare raufen, rot anlaufen und (kch)
Die Lautsprecherstimme von Frau Cent:
Herr Futt, bitte zum Anger-Management! 

 

 

… und schnuuseln


Eine halbe Kanüle reicht, leicht
nur gehoben, watteweich, von leiser
Musik umschwoben, gehn auf die Wiese
die Gedankengänse, zuppeln hier und
zuppeln dort, knüpfen Gänseblümchenkränze,
hüpfen wie die Feen durch Wald und 
Flur, sie schlüpfen in Türchen zur
Vergangenheit, ohne Bangigkeit,
bis goldenes Adagio die Dämmerung nur … 
 

 

 

Köln, Völkerkundemuseum 


An der Haltestelle der Straßenbahn Nr. 16
schnäuzt sich ein Sachse, Salier niesen, drei
Ubier steigen zu, ein Hunne, Bässe im Hirn,
Knöpfe im Ohr, alte Karolingerin spricht über 
Clubs, die es nicht mehr gibt, Seifenspender 
damals eins a, zwei Latinas schnattern rasant, 
dort malt eine Hand in Schönschrift Shitsos 
an die Wand – der Tag frostklar, zerbrechlich. 

Urformen der Kunst im Rautenstrauch-Joest-
Museum, Fotos von Bloßfeldt, frischer Trieb
einer Trichterlilie, weibliche Figur der Songye
aus dem Kongo – gefährliche Ähnlichkeiten
verstellen den Blick – der Keimblattkopf 
der Christrose mit Schwanenhals kraftvoll
wie die Götterfigur der Nukuoro, Karolinen,
– aus dem Erlebnis des Wachsens gebildet?  

 

 

 

Mallorca-Akne


Nach einer lang durchtanzten Nacht,
im Lichtgeflacker zu DJ Bobo, Säure
hat wieder ein Stück Hirn hingemacht, 
liegt er im Bett: „Wo bleibst du, Teure!“
Das hämoglobine Schnurren eines Roboters 
der Bioklasse drei verkleistert Zeit-
weiligkeit und der Sinn des Verspotters
trübt sich; derweil sitzt im Kleid
sie vor dem Spiegel und stottert:  

„Mallorca-Akne, ach du Schreck!
Mallorca-Akne geht nich weg.“

 

 

 

 Ralf Thenior

1945 geboren in Bad Kudowa, Schlesien. Aufgewachsen in Hamburg. Nach dem Zivildienst einige Jahre des Reisens, Jobbens und Schreibens, dann Übersetzerstudium am Dolmetscherinstitut der Universität Saarland und ab 1974 Germanistikstudium in Hamburg. Beginn der literarischen Tätigkeit 1969 mit ersten Veröffentlichungen in Zeitungen, Zeitschriften und Anthologien, sowie einigen Jahren freier Mitarbeit im Rundfunk.

Zuletzt erschienen:
Augenblick im Frühling und Alter Mann im Winterpark (Gedichte). in: Versnetze, Das große Buch der neuen deutschen Lyrik, herausgegeben von Axel Kutsch, Verlag Ralf Liebe 2008.

Edenkobener Lustgärtchen. Eine idyllische Posse
. in: Vom Ohrenbeben zu Edenkoben, herausgegeben von Gregor Laschen, Wunderhorn Verlag 2007.

jetzt Blick in den Vogel. Zu Gedichten von Norbert Lange
. in: Norbert Lange: Gedichte, herausgegeben von Ralf Thenior, Verein für Literatur 2007.

 

 

 

Vorwort zu “Herbstmobil” von Alexander Nitzberg

Eigentlich ist »konkrete Poesie« als terminus technicus irreführend. Vor allem angesichts der Gedichte von Ralf Thenior. Zu ihnen paßt die Bezeichnung weit besser, als zu jenen akustisch-visuellen Sprachreduktionen, die gewöhnlicherweise damit gemeint sind. Theniors Poesie ist mit größerem Recht konkret. Konkret bis zum letzten Jota, bis zum kleinsten Tüttelchen auf dem i. Seine Wörter haben Gewicht, das sich in Kilogramm ausdrücken läßt. Seine Wörter haben Geruch, der nur leibhaftigen Dingen eigen ist. Seine Wörter haben Haptik, sind geriffelt, genoppt, gerippt. Und dann ‒ konkret bis zur Abstraktion, ja, bis zur Abstraktion! Ab einem bestimmten Wirklichkeitsgrad werden die Sachen zu wirklich: brechen sich, kippen im schwindelerregenden »Sturz nach oben« und schwirren hiernach als Sinn-, Gefühls- und Gedankenteilchen durch das kosmische Nitschewo. Denn was sich Metapher schimpft, ist zuviel, nicht zu wenig an Realität. Hat Moleküle, hat Zellen, hat Fasern ‒ allesamt Schwellkörper zur Lust wie zum Leid.

Alexander Nitzberg,  Düsseldorf, September 2007