edition schwarzes quadrat

Lyrik / Text und Lesung

Felix Philipp Ingold
Andrea Heuser
Heinz Czechowski
Ferdinand Scholz (Achim Raven)
Ralf Thenior
Christian Röse
Benedikt Ledebur
Franz Josef Czernin

Herausgegeben

Ausgehend von Hörbüchern des onomato Verlages, wurde für die Edition ebenfalls eine eigene bibliophile Form entworfen. Die Bücher werden, wie auch die “Schmuckboxen” der Hörbucheditionen, in der kleinen Buchbinderwerkstatt des Verlages in Handarbeit gefertigt.

Jedem Lyrik Band liegt eine Audio CD mit Lesungen der Autorinnen und Autoren bei. Klangkünstlerische Elemente – von den Autoren selbst erstellt oder aus dem Umfeld der “Klangkunstklasse” des onomato Künstlerkreises bezogen, ergänzen die Lesungen.

von Alexander Nitzberg

Der Herausgeber Alexander Nitzberg wurde 1969 in Moskau geboren. Lebt seit 1980 in Düsseldorf. Veröffentlichte zahlreiche Gedichtbände, Übersetzungen, Dramen und Essays. Poetikdozentur am Literaturinstitut Hildesheim und an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf. Im Herbst 2006 erscheint seine Poetik »Lyrik-Baukasten« beim Dumont Verlag.

weitere Informationen zu Alexander Nitzberg: www.nitzberg.de

 

Felix Philipp Ingold

Zweimal 33 Gedichte

22,80  inkl. MwSt., zzgl. Versandkosten

ISBN 978-3-939511-68-7
Buch mit Audio CD (Autorenlesung)
76 Seiten,  Laufzeit der CD 41:30 Min
22,80 € (D) / 29,80 sFR (CH) / 23,80 € (A)

Es ist hier heute … Das sei wiederholt: «Es ist hier heute» wie in einem früheren Gedicht. Mit lauter i- und ü-Geklingel. Nochmals Frühling also. Grün schon eingetütet in den abgetauten
Hügeln. In Wahrheit ruht an dieser Stelle

ein gefällter Riese. Was Geringes und aber
gigantisch. Rist und Scheitel und das linke
Schulterblatt beschreiben als ein fahriger
Strich den kommenden Süden. Während
noch immer – und heute schon wieder –
der Wortspatz aus jenem Gedicht herübertschilpt und sich («das hässlich zweideutige Geflügel») ganz schön dreist «bis dann» am Leben hält. Hier!

 Autorenlesung

Geduld – wie Glück – ist Erschöpfung. Immer so als hätte einer allein («er»
oder «du») den ganzen Schnee begraben. Doch weder dir noch ihm ist die Uhr

als Spiegel vorzuhalten. Denn eine Ewigkeit (oder auch bloss die Langeweile danach)
hat keine Zeit. Kein Und-so-fort. Kein Oder-so-ähnlich. Beide – Uhr wie Ewigkeit – stehn
einzeln für den runden Würfel. Gemeinsam
fürs Unentschieden zwischen
Beil und Leib. Wird dieser auch wirklich geboren
so bleibt er doch bloss
– wie Figura es anzeigt – geborgt bis zum Morgen.

 Autorenlesung

Vorwort von Alexander Nitzberg

Es ist ein Buch der Aussöhnung: Einzelteile bedingen einander im gemeinsamen Streben, Figur zu werden, sprich: einzugehen in den einenden Sinn. Die Fülle des Sinns erscheint nicht mitteilbar: Die Farbe Schwarz, das Fehlen von Farbe. Erscheint nicht mitteilbar, aber erscheint: Als Schatten, als Abglanz, als Negativ. Als apophatische Doppelverneinung.
 Sie kleidet sich in primäre Formen: Den Kreis, das Quadrat, den Spiegel, den Stein. Und jede deutet. Über sich. Hinaus, ins Manifeste, zur Zerstreuung. Zur Sammlung, ins Vorexistente, hinein. Von Metamorphose zu Metamorphose. Der Kreis sucht den Zwang seiner Quadratur, das Quadrat die Freiheit des immanenten Zirkels.
 Dabei bildet das weiß keine Antithese zum Schwarz, eher dessen Ahnung: Es trägt im Inneren das eigene Verhülltsein. Die Nacht, die älter ist als das Licht. Es ist ein Buch der Aussöhnung. Denn das Verhülltsein saugt alles auf. Durchzieht selbst die Fasern des Papiers, welches auf einmal nicht Auf- fangfläche, sondern ausgeleuchteter Freiraum wird: Für die alles erfüllende Tinte.
 

Alexander NitzbergWien, November 2010

 

 

Felix Philipp Ingold

arbeitet – nach langjähriger Lehr- und Forschungstätigkeit – als Schriftsteller, Publizist und Übersetzer in Zürich und Romain-môtier;
für seine literarischen Bemühungen erhielt er u.a. den Petrarca-Preis für Übersetzung, den Ernst-Jandl-Preis für Lyrik, den Großen Berner Literaturpreis, den Manuskripte-Preis, den Erlanger-Preis für Poesie als Übersetzung.
Zu seinen jüngsten Publikationen gehören die Bände „Tagesform“ (Gedichte, 2007), „Gegengabe“ (Prosa und Poesie, 2009), „Faszination des Fremden“ (Essay, 2009), „Apropollinaire“ (Gedichte und Kommentare, zusammen mit Stanley Chapman, 2008).

Andrea Heuser

vor dem verschwinden

18,50  inkl. MwSt., zzgl. Versandkosten

DICH habe ich mir selbst zugefügt
und nun willst du nicht heilen in mir
weil jeder versuch dich zu verschließen hieße
du hättest dich zuvor geöffnet

so bist du mir
unter die haut gefahren ganz und
gar die einzige große frage
keine katastrophe soweit auf messers
schneide nicht kein herzstillstand

nur die langsame gewöhnung
an die taubheit
der venen auf knopfdruck

WERFEN in die wiese sich kopf über, und
beine stengeln, die stengel stutzen, blätter und blumen
bauschiges niedermähen, geiles gras grapschen, gras, und
ganz und gar rollig sein, blütenbauch und busengekitzel
käfern sich rückenwärts, erdig, erde, in erde, und

kleesüße, vogeldreck, sonnengeflecktes, schmetterlingsschlag
wimpern, schlieren, schnecken, kot, und

ameisen, alles, alles befühlern, betasten, krabbelnd bepicken
beschnuppern, bespuren, blumen, und

wind werden, sporen, motten, hummeln, flügel, vögel, alles
alles sei halswärts, sei himmel-, WERFEN, sich werfen, und

Vorwort von Alexander Nitzberg

Barockdichter hätten pure Freude an diesen Versen und würden allesamt Sonette verfassen »auff die Heuserin«. Denn heute ‒ zwischen Scylla und Charybdis ‒ ist sie eindeutig ihre Hoffnungsträgerin. Die Zeit des Stummfilms ist vorbei, die Zeit des Tonfilms noch nicht angebrochen. Und nur Wenige wissen um den Stoff, aus dem Gedichte sind: den rhythmisch pulsierenden Klang, der sich innerhalb eines streng eingegrenzten Zeitraums zum Bild hin ballt. 
Andrea Heuser schafft Poesie im wahrsten Sinne des Wortes, denn ihre Gedichte sind mehr gemacht als geschrieben. Durch wiederholtes Anschlagen einzelner Silben erzeugt sie jene vibrierenden Teilchen, die, sinnvoll zusammengefügt, ein mit den Sinnen wahrnehmbares Artefakt ergeben. (Denn es wird die Poëterey, so Philipp Harsdörffer, ein redendes Gemähl / das Gemähl aber eine stumme Poëterey genennet.) Auf diese Weise wird die Spanne, die dem tönenden Wort vor dem Verschwinden noch bleibt, bis zum Äußersten ausgereizt und meisterlich gestaltet. (Düsseldorf, Januar 2008)

Andrea Heuser,

geboren 1972 in Köln, lebt heute als Autorin
und Literaturwissenschaftlerin in München. Literarische Arbeiten im Bereich Lyrik, Prosa, Libretto und Musiktheater. Promotion über deutsch-jüdische Literatur vor und nach 1989. Für ihre Arbeit 
erhielt Andrea Heuser zudem einige Preise und Stipendien, u.a. den Förderpreis der Internationalen Bodenseekonferenz für Lyrik (2006) und den Wolfgang-Weyrauch-Förderpreis (2007). »vor dem verschwinden« ist ihr erster eigenständiger Lyrikband.

Benedikt Ledebur

genese

24,80  inkl. MwSt., zzgl. Versandkosten

im garten

hintergedanken sehen dich mit meinen blicken an,
und schon verschlägt es mich gewittrig ins gebirge.
denn das, was ich von dir so sehe, will ich auch besteigen,
nicht nur, um  ebenen in mir und ihrer schwüle zu entkommen.
es trifft uns nicht aus heitren himmeln, wenn wir grollen,
und sanftes regen hat auch seine wolken, bis es sich ergießt:
was du von mir willst, mußt auch du von deiner stimmung wollen,
und das, was, wenn wir übers wetter reden, hintergründig fließt,
schwillt mir zum sturzbach, wenn es über deinen bergen donnert.
ja, abgeblitzt, und schnecken – strecken ihre fühler:
es hat geregnet, alles tropft und ist ein bißchen kühler.

 Autorenlesung

sonde

am anfang dreht sich alles reden wollen
um das, was aufgeht in dem meer versionen,
den buchstaben zu tönen, lässt millionen
in blitzen spielen, die sie erden sollen,
drohend gedanken, die dem licht verborgen
ordnend beschränken wie verwirrung zeugen.
rollen die stoffe ihre bahnen, beugen
sich die modelle dem kostüm von morgen,
umkreist, was hier im gliedern tagt, sein werden.
mit einem mal, und so gezeichnet, steigen
tonleitern auf, geht über in gebärden
dem delirieren nah der lieder reigen.
chor allen ahnens hebt, die leiern, auf,
endet als bruch, riff im begriffnen lauf.

 Autorenlesung

Vorwort von Alexander Nitzberg

Seit dem Aussterben der vorsokratischen Saurier lagern die Philosophie und die Poesie in zwei unterschiedlichen Erdschichten. Sie zusammenzuschaufeln, erweist sich als ein riskantes Unterfangen – meist zum Nachteil der Poesie: Das allzu grelle Licht der Abstraktion droht, die ohnehin schon fossilen Überreste gänzlich aufzulösen. Bei der vorliegenden Genese handelt es sich eher um eine Summa poetica. Benedikt Ledebur ist nämlich ein Scholastiker unter den Dichtern. Jemand, dem die Substanz und das Accidenz wohlvertraut sind, der den Syllogismus nicht scheut und dessen Sentenzen geradezu Beweiskraft haben. Dennoch lassen seine Verse niemals vergessen, was Dialektik ihrem Wesen nach ist: eine Freie Kunst nämlich. Darum zersetzen diese Abstraktionen nicht, lassen die Dinge vielmehr in einem farbigen, ja, heiteren Licht flimmern. Was daran erinnert, daß auch die schwarzen gotischen
Kathedralen einst im Spektrum der Fensterrosen erschillerten und ihre Geometrie (eine weitere ars liberalis!) die Sinne nicht ausblendete, sondern schärfte und beflügelte.

Düsseldorf, März 2008

Benedikt Ledebur

geb. 1964 in München, lebt in Wien. Studium der Theologie in Fribourg, Datentechnik und Philosophie in Wien. Literaturkritik und Beiträge in Zeitschriften wie Kolik, Wespennest,
neue deutsche literatur. 2002 Autorenprojekt im Literarischen Quartier Alte Schmiede, Wien:
»Erkenntnis, Metaphysik und Dichtung«, Untersuchungen und Texte zu Giordano Bruno.
Buchveröffentlichungen (Auswahl): »Poetisches Opfer«, 1998, Ritter Verlag, Klagenfurt – Wien;
»ÜBER/TRANS/LATE/SPÄT«, 2001, Onestarpress, Paris.

Heinz Czechowski

Von allen Wundern geheilt

18,50  inkl. MwSt., zzgl. Versandkosten

Zu Mickel

Am Ende, das weiß man,
Bleibt gar nichts. Oder doch?
Uns überdauerten
Die Mauern und
Die Gewölbe: Frauenkirche.

Ich bin gefahren, 
Um sie wiederzusehn: Drei
Strafmandate. Dann sah ich,
Mitten im Sand,
Die geklonte Kuh. Das also

Ist sie, dachte ich mir, die ich 
Als Kind sah, mitten 
Im kalten Winter, das
Ist sie nicht!! sagte ich mir,
Inmitten der Stadt:

Industrieziegeldächer
Auf Cosels Palais, Steigenberger
Läßt grüßen …  Auch der Zwinger:
Die Steine
Zehnfach erneuert, gemetzt.

Am Ende, das weiß man,
Bleibt nichts. Wie Tiere
Gehen die Berge
Neben dem Fluß. …

 Autorenlesung

Geheimes Gedicht

Im grünen Gras spaziert eine Amsel.
Meine Liebste gehört einem andern.
Die Elstern haben versucht, ein Nest zu bauen.
Meine Liebste gehört einem andern.
Die Bäume entfalten die Blätter.
Meine Liebste gehört einem andern.
Auf der Straße fährt ein gepanzertes Auto.
Meine Liebste gehört einem andern.
Ich berühre den Staubsauger wie eine Geliebte.
Meine Liebste gehört einem andern.
In den Büchern nistet der Staub.
Ich höre das Violinconzert von Antonín Dvořák
mit der berühmten Kadenz von David Oistrach,
Doch meine Liebste gehört einem andern.
Meine Liebste gehört einem andern.
In der Kneipe nebenan lärmen die Fans.
Meine Liebste gehört einem andern.
Im Radio erzählt ein Schwuler von Drogen.
Meine Liebste gehört einem andern.
Die Uhr schlägt acht.
Meine Liebste gehört einem andern.
Ich werde jetzt fernsehen gehen.
Doch meine Liebste gehört einem andern.
Der Schwule sagt: Zigaretten sind mir geblieben und Sex.
Meine Liebste gehört einem andern.
Ich werd mich nicht waschen, rasieren, nicht ausgehn.
Denn meine Liebste gehört einem andern.
Durch meine schlaflose Nacht geistert ein Satz:
Meine Liebste gehört einem andern.

 Autorenlesung

Vorwort von Alexander Nitzberg

Heinz Czechowskis Gedichte, diese Bittermandeln! Nicht von ungefähr wurde er einst liebevoll »DDR-Trakl« genannt. Jeder Vers, jeder Band spielt mit der Möglichkeit, sein letzter zu sein. Jedes Wort will ihn, den Lyriker, noch tiefer in die deutsche Dichtung einmeißeln, mit ihrem Schicksal verbinden. Zeiten, Orte, Personen sind seine ständigen Gesprächspartner. Und wenn Gottfried Benn sagt: »Der große Dichter aber ist ein großer Realist, sehr nahe allen Wirklichkeiten ? er belädt sich mit Wirklichkeiten, er ist sehr irdisch, eine Zikade, nach der Sage aus der Erde geboren, das athenische Insekt«, dann trifft dies ganz besonders auf Czechowski zu. Nicht ohne Grund mißtraut er der verschraubten, ungeerdeten Metapher. Seine Bilder haben stets harten Boden unter den Füßen. Doch wäre es eine Täuschung, darin nur eine Form von Naturalismus zu sehen. Czechowski bildet die Wirklichkeit nicht ab. Das Geschichtliche, Biographische und Literarische sind sein Material. Die Dokumentation Tarnung. Dahinter aber entfaltet sich der alte Mythos: vom Ausgesetzten »auf den Bergen des Herzens«, vom »Einsamen unterm Sternenzelt«, vom »Dichter in dürftiger Zeit«.

Düsseldorf, März 2006

Heinz Czechowski,

(* 7. Februar 1935 in Dresden), Gestorben am 21. Oktober 2009, Frankfurt am Main. Gründungsmitglied der Freien Akademie der Künste zu Leipzig. lebt in Frankfurt a.Main. Er studierte 1958 bis 1961 am Institut für Literatur »Johannes R. Becher« in Leipzig, wo er stark von Georg Maurer (Sächsische Dichterschule) beeinflusst wurde. 1957 wurden erste Gedichte in der Zeitschrift »Neue deutsche Literatur« veröffentlicht. 1961 bis 1965 war er Lektor beim Mitteldeutschen Verlag in Halle (Saale). und 1971 bis 1973 Dramaturg an den Bühnen der Stadt Magdeburg. Seitdem lebt er als freier Schriftsteller. 
Zahlreiche Veröffentlichungen und Preise.

Ferdinand Scholz (Achim Raven)

Oktavenmännchen Sissimo

22,80  inkl. MwSt., zzgl. Versandkosten

Go West

Hohe Berge dicke Menschen
Landschaft Landschaft Butterkrem
Jodelchips in allen Kellnern
Braun das sanfte Aug der Kuh

Kinderteller detonieren
Silberhell und glockenrein
Alpenglühn und schwere Euter
Riegenführer sehnsuchtssatt …

Wandrer der du das nicht abkannst
Wandre nach Amerika
Da ist alles alles alles
Alles anderst ist es da.

Dicke Berge hohe Menschen
Butterkrem nur subkutan
Aus den Kellnern stilles Glänzen
Jodeln nicht ? das tut die Kuh

Nur die spacken Kinder platzen
Alle Teller bleiben heil
Glüht was sind das nicht die Alpen
Und auch sonst ist es okay

 Autorenlesung

Stalins Meerschweinchen

Im unnennbaren Jahr Siebenunddreißig 
Hockte die ganze Zeit 
Stalins Meerschweinchen in seinem Stall 
Und dachte nach. 
Natürlich ist nichts dabei herausgekommen. 
Wie auch.

 Autorenlesung

Vorwort von Alexander Nitzberg

Für manch einen sind Gedichte Texte auf Papier. Sie transportieren Gedanken und Gefühle oder handeln von wichtigen Dingen. Nicht so für Ferdinand Scholz. Seine Gedichte sind selbst Dinge. Wichtig wie Zahnstocher, Preßlufthammer oder Umluftpumpe. Und Dichten ist nicht Schreiben, sondern Herstellen. Ganz im Sinne des griechischen poiein, das im Wort »Poesie« steckt. Nicht umsonst heißt Scholzens erster Band mit Poesie »Wichtige Gedichte«.

Doch im »Ocktavenmännchen Sissimo« treibt er es noch auf die Spitze. Schärfer denn je tritt das rauhe, ungehobelte Klangmaterial, aus dem die Verse gehämmert sind, an die Oberfläche. Größer denn je die Gefahr, sich an der einen oder anderen rhythmischen Kante zu stoßen. Natürlich nur für jene Herrschaften, welche da glauben, Gedichte seien Texte auf Papier. Dem aber ist nicht so, wie sich jeder leicht überzeugen kann.

Was soll dann dieses Buch? Nichts weiter als Verpackung.

Düsseldorf, März 2006

 

Ferdinand Scholz

Geboren 1952 in Düsseldorf. Bisherige Einzelveröffentlichungen: Menschen am Abgrund. Ärztethriller (satirischer Kurzroman mit eigenen Illustrationen), Gießen 1984, (Anabas), Es ist immer Heimat. Unausweichlich!, Hörspiel 1991 (WDR). Wichtige Gedichte, Düsseldorf 1997 (Grupello), mit Illustrationen von Misch Da Leiden.

Statement
Dichtung ist erhabener Unfug. Denn sie fügt sich nicht in die gemein(schaftstiftend)e Kommunikation des apriorischen So isses. / Sarrichdoch!. Anders gesagt: In ihr vermittelt in eben dem Maße, wie der Dichter sich selbst durch die Sprache vermittelt, die Sprache sich selbst durch den Dichter. Beide gewinnen aneinander Gewissheit. Oder verlieren sie durcheinander. Das Ausmaß der poetischen Möglichkeiten ist bestürzend. Sie setzen den Dichter in den Stand, die Sprachdschungel und -wüsten von den Rändern her räuberisch zu durchstreifen. Diese Ränder sind da, wo die Kohärenz des sprachlichen Zeichens nicht gewährleistet ist, in den vorsprachlichen Artikulationen, den semantischen Interferenzen, den sprachgeschichtlichen Sedimenten ? sie sind überall, wo die krude Magie eines unbestimmten Allsinns herrscht. Das Zentrum der Sprache ist da, wo Diskurs und Konsens ineins fallen, wo der sanfte Terror eines allbestimmenden Unsinns herrscht, wo das schwarze Loch der Kommunikation jede Artikulation verschlingt. In diesem unwegsamen Gelände legt der Dichter sich auf die Lauer, um in der Sprache zu wildern, getrieben von dem Drang nach Anverwandlung all dessen, was zwischen Rändern und Zentrum unterwegs ist, dem Material der Dichtung. Anders gesagt: Vor dem Sprung in die Sprache ist die Lauer, vor dem Ursprung der Dichtung ist der Kalauer. Mithin: Die Dichtung ist ein seltsames Spiel. Also doch eher ein ganz schöner Unfug.

 

Christian Röse

Schere

18,50  inkl. MwSt., zzgl. Versandkosten

FRAGEN CLARA SCHUMANN

sind es die Rädchen in den Fingergliedern
die Saiten die sich nah der Elle ziehn
sag Robert rasch wo reichen diese Stränge hin

ist alles Tasten mir nicht hart geworden
wenn ich den Tee beende wird es kalt darin

sind all die Kinder nicht wie selten still
wie deine Mutter glaubst du denn mein Vater
hat uns nicht alle endlos aufgezogen

KANADA 1977 (Rabid)

am dreißigsten Tage
entstaubten die Armknospen
sprossen entsprossen
der Fliehburg entbunden bis

ist eine Rose ist ein Dorn
und Durst; der Mann darin
darin der Junge
spielt der Körper spricht
äußerst undeutlich spricht er
vom Sehnen

Christian Röse,

geboren 1980 in Neheim, Nordrhein- Westfalen, wohnt und arbeitet in Berlin; Studium der Psychologie. Literaturförderpreis der Stadt Dortmund 2002

Der Gedichtband »Schere« ist seine erste Einzelveröffentlichung.

 

Stimmen zu Christian Röse

»Metamorphosen, Verwandlungen sind ein durchgehendes Motiv in den Gedichten dieses ersten Bandes des Lyrikers Röse. Der Leser wird hineingezogen in traumhafte biologische Gestaltwandel. Die musikalische Sprache besticht durch Klarheit und Eleganz.« (Ralf Thenior)

Franz Josef Czernin

elstern. versionen

18,50  inkl. MwSt., zzgl. Versandkosten

Über das unaussprechliche Heiligen-Geistes-Eingeben

Du ungesehner Blitz, du dunkel-helles Licht,
Du herzerfüllte Kraft, doch unbegreiflichs Wesen!
Es ist was Göttliches in meinem Geist gewesen,
Das mich bewegt und regt: Ich spür ein seltnes Licht.

Die Seel ist von sich selbst nicht also löblich licht.
Es ist ein Wunder-Wind, ein Geist, ein webend Wesen,
Die ewig Atem-Kraft, das Erz-Sein selbst gewesen,
Das ihm in mir entzündt dies himmel-flammend Licht.

Du Farben-Spiegel-Blick, du wunderbuntes Glänzen!
Du schimmerst hin und her, bist unbegreiflich klar;
Die Geistes-Taubenflüg? in Wahrheits-Sonne glänzen.

Der gott-bewegte Teich ist auch getrübet klar!
Es will erst gegen ihr die Geistes-Sonn beglänzen
Den Mond, dann dreht er sich, wird erden-ab auch klar.

Catharina Regina von Greiffenberg

 Autorenlesung

über das unaussprechliche (übertragung)

blindlings blitzst auf, mich damit schlägst, dies so umnachtend
stürmisch beherzst, dass all die flamme in dem spalten
zeigt meine zungen; wie es zündet, mich entmachtend
brennt wild, zur rede, feurig, stellt mich, ungehalten

so grell wie dunkel; selbst bin nur, doch aus mich schlachtend,
mein fleisch, das schwarze, in das, glühend am gelallten,
getroffen wird; durchsaust bin, -braust, nach leben trachtend
es macht begeistert sprühn mich, heiss am ungestalten:

ach, wohl mir, übel von dem licht wird mitgespielt
in all den farben, auch zu bunt, mich so verblendend
mit jedem schimmer davon, zielend doch darauf so klar,

gebracht auf flächen: was, entsprechend, aufgewühlt
sich im erblicken bildet, bricht, entzweit, ganz wahr,
aufgeht uns in dem strahl, doch stets mir rede wendend.

 Autorenlesung

Sonett an Orpheus

O Brunnen-Mund, du gebender, du Mund, 
der unerschöpflich Eines, Reines spricht, –
Du, vor des Wassers fliessendem Gesicht
marmorne Maske. Und im Hintergrund

der Aquädukte Herkunft. Weither an
Gräbern vorbei, vom Hang des Apennins
tragen sie dir das Sagen zu, das dann
am schwarzen Altern deines Kinns

vorüberfällt in das Gefäß davor.
Dies ist das schlafend hingelegte Ohr,
das Marmorohr, in das du immer sprichst.

Ein Ohr der Erde. Nur mit sich allein
redet sie also. Schiebt ein Krug sich ein,
so scheint es ihr, daß du sie unterbrichst.

Rainer Maria Rilke

 Autorenlesung

sonett an orpheus. übertragung

der mund, der sich so rein nur ein hier schenkt,
die quelle wörtlich angibt in dem schwall,
ist, stets sich höhlend, stein, der jeden schall
ausschöpft, den fernsten rausch; darauf gelenkt,

dass, was hier sprudelt, fliesst, am meer, den wogen hängt,
an lippen, das heisst: klippen, die sich dort von fall
zu fall gewässer öffnen, um jetzt überall
anklingend, hier zu fassen: wie es sich versenkt

in dies gefäss, die muschel, da es wird ganz ohr,
ganz auge, dass sich unterströmend dies einflösst,
zu wort da kommend, das sich über laufend löst

von all den zungen, das heisst: ländern; stets ein chor
von gründen spricht da zu sich, sank und steigt empor:
da unterbricht, was wir so lesen, ach, ihr lest?

 Autorenlesung

„VORWORT
 
Eigentlich ist es beinahe überflüssig, den ›Elstern‹ im Titel ›Versionen‹ beizufügen. Denn das englische else ist in den Elstern kaum zu überhören. Doch schwingen in den Versionen Verse mit. Vielleicht hat sich Franz Josef Czernin deshalb dafür entschieden?
Elstern haben in der deutschsprachigen Lyrik Tradition. Schon Wolfram von Eschenbach spricht von ihnen, um das Changieren der Farben und Eigenschaften anzudeuten. Und dies ist der Kern der Czerninschen Alchemie: Ob eigene, ob fremde Gedichte, immer wieder löst er sie in der geistigen Ursubstanz auf und giest sie um — von Retorte zu Retorte.
Original? Übersetzung? Die Frage verliert ihren Sinn. Erweist sich höchstens als juristische Haarspalterei, nicht als ein Problem der Kunst. Czernins Elstern schmücken sich nicht mit fremden Federn. Fremdes und Eigenes ist in ihnen stets mitenthalten. Manchen Sonetten sind zusätzlich andere Übertragungen von Hanno Helbling oder August Wilhelm Schlegel hinzugesellt — als mögliche Zwischenstationen in diesem unaufhaltsamen und alles miteinbeziehenden Formungs- und Umformungsprozeß, den der Dichter selbst hartnäckig als »Schwall« bezeichnet. Ein riskantes, aber treffendes Wort: In ihm hört Sprache auf, jenes Mittel der Kommunikation zu sein, das nicht zugleich eine Substanz mit der Aussicht ist, Naturgewalt zu werden.
 
Alexander Nitzberg
Düsseldorf, März 2006“

Franz Josef Czernin

Geboren am 7. Jänner 1952 in Wien.
1971-73 Studium in den USA
1972 Beginn der literarischen Tätigkeit,

seit 1978 literarische Publikationen in Zeitschriften und in Heimrad Bäckers
Linzer «edition neue texte».
1988 Lektor an der Indiana University, USA.
Seit 1989 Entwicklung des Computerprogramms POE, einer Software zur Analyse
und Generierung von poetischen Texten. 1993/94 Grazer Stadtschreiber.
Lebt in Rettenegg in der Steiermark.

 

Ralf Thenior

Herbstmobil

18,50  inkl. MwSt., zzgl. Versandkosten

Seins Ficktschn

Das Alienei in der Brust birst, 
Blut schießt in die Netzhaut, zu viel
Bilder gekennt, Krr alle im Hirn, 
Haare raufen, rot anlaufen und (kch)
Die Lautsprecherstimme von Frau Cent:
Herr Futt, bitte zum Anger-Management!

… und schnuuseln

Eine halbe Kanüle reicht, leicht
nur gehoben, watteweich, von leiser
Musik umschwoben, gehn auf die Wiese
die Gedankengänse, zuppeln hier und
zuppeln dort, knüpfen Gänseblümchenkränze,
hüpfen wie die Feen durch Wald und 
Flur, sie schlüpfen in Türchen zur
Vergangenheit, ohne Bangigkeit,
bis goldenes Adagio die Dämmerung nur …

Köln, Völkerkundemuseum 

An der Haltestelle der Straßenbahn Nr. 16
schnäuzt sich ein Sachse, Salier niesen, drei
Ubier steigen zu, ein Hunne, Bässe im Hirn,
Knöpfe im Ohr, alte Karolingerin spricht über 
Clubs, die es nicht mehr gibt, Seifenspender 
damals eins a, zwei Latinas schnattern rasant, 
dort malt eine Hand in Schönschrift Shitsos 
an die Wand – der Tag frostklar, zerbrechlich. 

Urformen der Kunst im Rautenstrauch-Joest-
Museum, Fotos von Bloßfeldt, frischer Trieb
einer Trichterlilie, weibliche Figur der Songye
aus dem Kongo – gefährliche Ähnlichkeiten
verstellen den Blick – der Keimblattkopf 
der Christrose mit Schwanenhals kraftvoll
wie die Götterfigur der Nukuoro, Karolinen,
– aus dem Erlebnis des Wachsens gebildet?

Mallorca-Akne

Nach einer lang durchtanzten Nacht,
im Lichtgeflacker zu DJ Bobo, Säure
hat wieder ein Stück Hirn hingemacht, 
liegt er im Bett: „Wo bleibst du, Teure!“
Das hämoglobine Schnurren eines Roboters 
der Bioklasse drei verkleistert Zeit-
weiligkeit und der Sinn des Verspotters
trübt sich; derweil sitzt im Kleid
sie vor dem Spiegel und stottert:  

„Mallorca-Akne, ach du Schreck!
Mallorca-Akne geht nich weg.“

Vorwort zu “Herbstmobil” von Alexander Nitzberg

Eigentlich ist »konkrete Poesie« als terminus technicus irreführend. Vor allem angesichts der Gedichte von Ralf Thenior. Zu ihnen paßt die Bezeichnung weit besser, als zu jenen akustisch-visuellen Sprachreduktionen, die gewöhnlicherweise damit gemeint sind. Theniors Poesie ist mit größerem Recht konkret. Konkret bis zum letzten Jota, bis zum kleinsten Tüttelchen auf dem i. Seine Wörter haben Gewicht, das sich in Kilogramm ausdrücken läßt. Seine Wörter haben Geruch, der nur leibhaftigen Dingen eigen ist. Seine Wörter haben Haptik, sind geriffelt, genoppt, gerippt. Und dann ‒ konkret bis zur Abstraktion, ja, bis zur Abstraktion! Ab einem bestimmten Wirklichkeitsgrad werden die Sachen zu wirklich: brechen sich, kippen im schwindelerregenden »Sturz nach oben« und schwirren hiernach als Sinn-, Gefühls- und Gedankenteilchen durch das kosmische Nitschewo. Denn was sich Metapher schimpft, ist zuviel, nicht zu wenig an Realität. Hat Moleküle, hat Zellen, hat Fasern ‒ allesamt Schwellkörper zur Lust wie zum Leid.

Alexander Nitzberg,  Düsseldorf, September 2007

 

Ralf Thenior

1945 geboren in Bad Kudowa, Schlesien. Aufgewachsen in Hamburg. Nach dem Zivildienst einige Jahre des Reisens, Jobbens und Schreibens, dann Übersetzerstudium am Dolmetscherinstitut der Universität Saarland und ab 1974 Germanistikstudium in Hamburg. Beginn der literarischen Tätigkeit 1969 mit ersten Veröffentlichungen in Zeitungen, Zeitschriften und Anthologien, sowie einigen Jahren freier Mitarbeit im Rundfunk.

Zuletzt erschienen:
Augenblick im Frühling und Alter Mann im Winterpark (Gedichte). in: Versnetze, Das große Buch der neuen deutschen Lyrik, herausgegeben von Axel Kutsch, Verlag Ralf Liebe 2008.

Edenkobener Lustgärtchen. Eine idyllische Posse. in: Vom Ohrenbeben zu Edenkoben, herausgegeben von Gregor Laschen, Wunderhorn Verlag 2007.

jetzt Blick in den Vogel. Zu Gedichten von Norbert Lange. in: Norbert Lange: Gedichte, herausgegeben von Ralf Thenior, Verein für Literatur 2007.